Anne-Marie Werner In: Annegret Leiner. Editions Voix Richard Meier. Ecole des Beaux Arts Metz, 1989
Diachronisch betrachtet, zeichnet das Oeuvre Annegret Leiners eine sehr kontinuierlich fortschreitende Entwicklung aus. Von den Kohlezeichnungen zu den Dispersionsfarbbildern erster und zweiter Phase wird die Pluralität der Produktionen von einer unübersehbaren, inhärenten Kohärenz durchwaltet, deren Ausprägung auf unterschiedlichen Ebenen spürbar ist.
Eine besondere Relevanz gewinnt sie,
- auf einer kompositionellen Ebene, in der Stringenz eines Kompositionsschemas, das von einer dem Bildfeld beherrschenden, menschlichen Figur sich gliedert
- auf einer formalen Ebene, in einer einheitlichen Formsprache, die sich einer offenen Form bedient im Gegensatz zu jener konturiert und abgeschlossenen, also einer Form stets in übergänglichem Zustand
- auf einer genetischen Ebene, in einem dynamischen Schaffens-prozeß, durch einen spontanen und schwungvollen Duktus markiert
- und nicht zuletzt auf einer thematischen Ebene, in einer Auseinandersetzung, die uns allerdings unmittelbar angeht, und zwar derjenigen mit dem Subjekt.
1) Die Infragestellung des menschlichen humanistischen Subjekts
Es ist philosophiegeschichtlich allgemein bekannt, daß die Begriffe des Objekts und des Subjekts vor der Aufklärung fast in einem umgekehrten Sinn im Vergleich zur heutigen Zeit verwendet wurden.
Der Begriff des Subjekts leitet sich von dem aristotelischen Begriff des ‘Hypokeimenon‘ her und meint das Zugrundeliegende, d.h. das Substrat, das als selbständiger und unveränderlicher Träger der mannigfaltigen und wechselnden Erscheinungen fungiert. Im Unterschied zu den akzidentiellen Eigenschaften ist der beharrende Träger, in der lateinischen Übersetzung ‘subiectum‘ genannt, der Substanz sinnverwandt.
Dem Begriff des Objekts hingegen liegt in der Scholastik der Gedanke des Vorstelligmachens zugrunde im Sinne des vorgestellten, gedachten Seins. Erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts vollendet sich ein Bedeutungswandel der Begriffe, der zu ihrem Gebrauch im heutigen Sinn führt. Das Objekt steht künftig auf der Gegenstands – das Subjekt auf der Erkenntnisseite. Die daraus resultierende ‘Vermenschlichung‘ des ‘Hypokeimenon‘ bringt das Subjekt zu einer letzten, festen Instanz, einem Garant der Identität, einem In-sich-sein des menschlichen Individuums. Seit Descartes ist also die Beschränkung des Subjekts auf das menschliche Ich endgültig eingeleitet, und von nun an sucht das menschliche Ich in sich selbst die Basis, den vollständigen Grund. Es ist eo ipso die weltfreie Bezugsmitte, oder in der Formulierung Sedlmayrs: „Das Menschenbild ist potentiell Ebenbild Gottes. Das ist der feste Punkt. Der Hebel ist nicht außen anzusetzen, im Allgemeinen, sondern in uns selbst“.
Gerade diese Mitte, die wir nach dem neuzeitlichen Menschenbild selbst sind, geht nach Sedlmayr in der Kunst langsam aber ständig seit dem XIX. Jahrhundert verloren. In seiner – diese Problematik bezüglich – grundlegenden Untersuchung ‘Verlust der Mitte‘ erkennt er vorwiegend in der modernen Kunst die Auswirkung verschiedener Symptome ‚ die eine Bewegung fort von der Mitte, fort vom Humanismus, fort vom Menschen hervorruft. „Die Kunst strebt fort von der Mitte…. Die Kunst strebt fort vom Menschen, vom Menschlichen und vom Maß“. Oder: “Der Prozeß der Dehumanisierung richtet sich bewußt oder unbewußt nicht nur gegen das im engen Sinn humanistische Bild vom Menschen, sondern gegen den Menschen überhaupt. Sedlmayr beklagt, daß die moderne Kunst sich vom Wesen des Menschen trennt, wobei Wesen vom Menschen heißt, als potentielles Ebenbild Gottes, den Hebel in sich selbst festzulegen; anders ausgedrückt, Erhöhung des Menschen als ausgezeichnetes Ich-denkendes-Subjekt, und zwar vornehmlich in den Akten des Meisterns und Herrschens über alles sonstige Seiende. Aus der Tatsache, daß das neuzeitliche Subjekt-Bild in der modernen Kunst untergeht, zieht Sedlmayr den Schluß: Zerstörung des Menschlichen überhaupt. Die Kunst wird ‘antihuman“.
Vor dieser zur Erinnerung gebrachten kunstwissenschaftlichen Folie erlaubt uns gerade das Oeuvre Annegret Leiners die Frage nach der Auflösung zu stellen. Ist der Schluß, aus der Aufhebung des neuzeitlichen Menschenbildes gilt eine Vernichtung des Menschlichen überhaupt, zwingend?
Bei Annegret Leiner in jedem Fall nicht. Sie führt das Subjekt, sowie es in der Neuzeit angesetzt wird und einwirkt, auf das ihm vorhergehende Ursprüngliche zurück, und in diesem Sinne löst sie es auf. Dabei gelingt ihr eine fruchtbare, positive Auflösung des humanistischen Menschenbildes in Form eines Hinausgehens über die Bestimmung und Gestaltung des Ich als reine Identität, als Festes in sich beruhend, als erstes Prinzip, potentielles Ebenbild Gottes usw. Annegret Leiner überschreitet thematisch die Grenze der Reduktion des Menschlichen auf das Subjekt in Richtung auf ein Zurückkehren zum Hervorquellen der Aktualität des Subjekts, also zu einem originäreren “Ich bin“ als das cartesianische “Ich denke“.
Die Überwindung der klassischen Subjekt-Konzeption geschieht dann in den Relativismus eines offenen und energieversammelnden Paradigmas, um dessen neue Verortung innerhalb des Bildfeldes sich die Künstlerin bemüht. Darauf möchte ich jetzt eingehen.
2) Gewinnung der Position des “Ich bin“ als leiblich energie-versammelnder Ort.
Die Position des “Ich bin“, von der Hermeneutik Paul Ricoeurs in den philosophischen Diskurs eingeführt, dient dazu, eine Seinsschicht aufzudecken, die als ursprüngliche Selbstgegebenheit des Ich, sozusagen unterhalb des neuzeitlichen “Ich denke“ angesetzt werden muß, um von dort authentischere Dimensionen des Menschlichen zu beleuchten.
Eine von diesen Dimensionen, die im Werk A. Leiners gerade mit Prägnanz gestaltet wird, ist die Dimension des Leibes, wobei hier die Begriffe Leib und Körper streng auseinander gehalten werden müssen.
a) Unter Körper versteht man gewöhnlich eine materielle Hülle des Ich, die als Ausdrucksträger von Affekten und Agent von Bewegungen fungiert. Der Begriff ‘Leibliches Ich‘ hingegen drückt den Gedanken aus, daß Leib und Ich ursprünglich nicht unterscheidbar sind, also aufs engste zusammengehören, was in der Formulierung Merleau-Pontys nichts anderes besagt als “ich bin mein Leib“.
b) Unter Körper wird auch in der Regel ein Dinghaft-Gegenständliches verstanden, das eine Drei-Dimensionalität einnimmt. Dementgegen ist auf der Ebene des originären ‘Ich-bin‘ ein ursprüngliches präreflexives Bewußtsein vom Leib gegeben, das ihn noch nicht vergegenständlicht hat. “Der Leib ist…kein Gegenstand“.
Als Nicht-Körper ist Leib also weder Hülle noch Gegenstand, er ist das Medium, in welchem und durch welches das Engagement des Ich in der Welt ermöglicht wird, im Sinne einer ersten Öffnung auf die Welt hin. „Leib ist das Vermögen einer Welt“.Engagement und erste Öffnung auf ein Umfeld hin bestimmen die Gestaltung der leiblichen Dimension im Werk Annegret Leiners. Das leibliche Engagement drückt sich in dem Versammeln einer Dynamik, einer Energie des Leibes aus, das das Geschehen eines raumzeitlichen Ortes eröffnet. Die Leibenergie selbst entsteht aufgrund einer gleichmäßigen Verteilung entgegengesetzter Kräfte, die sowohl den Leib in einzelne Bewegungen auflöst, als auch jenes Maß oder jene normative Ordnung bewirkt, die die Leibdynamik davor bewahrt zum heillosen Durcheinander zu werden.
Polarität und Gegensätzlichkeit von Energie hängen von der inneren Elastizität der Linien, ihrer Verdichtung in Geweben, den Bewegungsrichtungen farbiger und linearer Elemente ab, also von Einzelkomponenten, die in einem Flächensystem eingebettet sind. Konkret kommt die Dynamik des Leibes in der Offenheit eines „differentiellen Spiels“ zum Ausdruck, das in den von einzelnen Faktoren aus vollzogenen, artikulierenden Operationen gründet, wofür nicht nur die Produktivität der Elemente, wie Oskar Bätschmann meint, sondern auch diejenige der Intervalle benötigt wird. Denn letztere bedeuten keinen Bruch, da sie sowohl eine individuelle Abgrenzung als auch eine proportionierte Verteilung mit sich bringen. Sie schaffen Besonderheiten und setzen gleichzeitig Beziehungen. In diesem offenen Feld von Interdependenzen und Kontrasten, d.h. nach Gottfried Boehm, in diesem “Geflecht von Grenzlinien der bildnerischen Sprache“ erfährt der Leib im Werk Annegret Leiners eine Dynamisierung durch Rhythmen.
Dabei handelt es sich um das Wiederkehren von Bewegungen in verschiedenen Zusammenhängen und mit verschiedenen Konsequenzen, so daß jede Wiederkehr den Charakter der Innovation wie auch den einer Erinnerung trägt. Während die Wiederkehr noch eine erweckte Erwartung erfüllt, erregt sie gleichzeitig ein neues Verlangen und begründet eine veränderte Spannung. Die Gestaltung der leiblichen Dimension im Oeuvre Annegret Leiners vollzieht sich als Spannungsfeld, das in sich raumzeitlich eröffnender Ort ist…
In: Annegret Leiner. Editions Voix Richard Meier. Ecole des Beaux Arts Metz, 1989