Der dialektische Charakter der Linie im Werk Annegret Leiners

Anne-Marie Werner In: Annegret Leiner. Architecture dynamique de la Ligne. Galerie Oeil. Forbach 1993

Die Kunst Annegret Leiners ist fundamental linear und schafft Linientexturen, deren Interpretation einen Abstand von der tradierten Zeichentheorie erfordert. Im akademischen Credo gilt nämlich die Linie als etwas Vernünftiges, Gesetzmäßiges, während das Kolorit sich mit dem bloß Irrationalen, Akzessorischen abfinden muß. So hebt Le Brun in seinem Plädoyer für die Allgemeingültigkeit der Linie die Antithetik zwischen linearer Abstraktion und Farbe hervor: „Die Zeichnung ahmt alle realen Dinge nach, die Farbe hingegen stellt nur das Akzidentelle dar“(1). Bringt also die Farbe nur die Form zur Geltung, so wirkt indessen die Linie, indem sie das Wesentliche ausdrückt, formbestimmend und reicht daher in die Sphäre neuplatonischer universaler Prinzipien. Gerade dieser unkritisch gestellte Rationalitätsanspruch soll den Bemühungen Annegret Leiners, der Linie eine pragmatische Dimension zu verleihen, zum Opfer fallen.

Wie läßt sich nun Pragmatik auf Linien anwenden? Erst die begrifflichen Reflexionen der “‘Klassischen Moderne“ haben den Rückgang von rationalem Wissen auf einen originären pragmatischen Prozeß in Bezug auf die Liniengestaltung für unabdingbar erklärt. Ein Beispiel: ln seinem Werk “Discours, Figure“ konstatiert Lyotard, daß der Linienduktus Klees sich nicht in den geschlossenen Gegenstandsumrissen und geometrischen Konstruktionen, vielmehr aber in der “Spur einer Energie, die verdichtet, verschiebt, figuriert, erzeugt ohne Rücksicht auf ein Wiedererkennbares“ (2) manifestiert. Weiterhin weist er ihm einen besonderen Platz “in der zur Schau gestellten Werkstatt eines primären Prozesses“ zu, d. h. im Sinne Klees, eines Prozesses, bei dem ein “gereizter Punkt“ als “latente Energie“ (3) sich zu bewegen beginnt, um Linie zu werden.

In den Werken Annegret Leiners entsteht die Linie nicht aus der rationalen Summe von Punkten, sondern als zeitliche Spur eines sich auf einer Fläche bewegenden Punktes und vollzieht damit den Sprung vom Statischen in das Dynamische. Von unterschiedlicher Intensität und Länge, an- und abschwellend, modulierend, gerade, eckig oder gekrümmt, bald rhythmisieren die Linien als einzelne Kraftlinien die Fläche, bald verdichten sie sich zu kontrastreichen Texturen. In diesen Liniengeweben, die auf Spiel und Gegenspiel, Einklang und Dissonanz, Begegnung und Trennung beruhen, werden die Linien in eine skripturale Beziehungsform gesetzt. Analog zur Schrift hängt die Relevanz des Materials – hier linearer Natur – von den Intervallen, Lücken, Leerstellen und Zwischenräumen ab, welche die Einzellinien voneinander abgrenzen und zugleich aufeinander beziehen. Annegret Leiner bedient sich einer sehr differenzierten Linienschrift, indem sie unterschiedliche Spuren zutage treten läßt und kontrapunktische Bewegungen zwischen Linienkomplexen, die durch leere Flächen getrennt sind, hervorruft.

In dem Spiel gegenseitiger Verweise entspringt die dem Werk innewohnende Dialektik. Diese schafft aber keine Synthese von Gegensätzen, sondern einen beweglichen Horizont, worin jedes Element für die anderen offen bleibt. Daher konfrontiert uns die Künstlerin mit einer offenen Dialektik, insofern sie in ihren linearen Konstellationen Platz für ambivalente Relationen, für Spannungen, für Gegensätze, für Überschreitungen, für eine werdende Genesis, für eine Pluralität von Ordnungen einräumt, jedoch ohne sie in eine übergeordnete, synthetische Positivität aufzuheben. Kontrapunktische Bewegungen und Vieldeutigkeit erweisen sich also als Kernbegriffe der Interpretation von Linien, welche in ihrer Dialektik ein Spannungsfeld bilden, das als Ermöglichungsgrund von entgegengesetzten und differenzierten Motiven horizonthaft erfahren wird.

Aus der Praxis gewonnen, weist die Linie im Oeuvre Annegret Leiners eine pragmatische Dimension auf. Die potentielle Energie der ikonischen Elemente (Linie, Fläche) durchdringt die linearen Konfigurationen und läßt eine “Modulation in der Unstabilität“(4) entstehen. Eine Modulation also, die alle konstitutiven Elemente des Werkes in eine dialektische Verbindung bringt und somit die Dialektik als Energie fundierender und organisierender Faktor deklariert.
Dialektisch geprägt, haben sich die neuen Zeichnungen Annegret Leiners das postmoderne Leitmotiv par excellence zu eigen gemacht, das in der Formulierung M. Foucaults lautet: „La torture c’est la raison„.

Anmerkungen
(1) Le Brun, zitiert nach Fontaine, A., Les doctrines d‘Art en France, Paris 1929, S. 37.
(2) Lyotard, J.-F., Discours, Figure, Paris 1971, S. 238
(3) Klee, P., Das bildnerische Denken, Schriften zur Form- und Gestaltungslehre, hrsg. und bearbeit von J. Spiller, Basel/Stuttgart 1956, S.168
(4) Merleau-Ponty, M., Das Auge und der Geist, hrsg. und übersetzt von H.W. Arndt, Reinbek bei Hamburg 1967, S.33

In: Annegret Leiner. Architecture dynamique de la Ligne. Galerie Oeil. Forbach 1993