Annegret Leiners Lebensspuren

Anne Luise Mathieu In: Kunst und Kultur im Saarland. Saarbrücken Nov. 1996

Die Linie als Demarkation der eignen Befindlichkeit. Die Spur des Kohlestifts wie der Eintritt in eine höhere Bewußtseinsebene. Pinselhiebe zum Einfangen der sich davonmachenden Konturen. Transparente Körper, lineare Energiebündel, sich gegenseitig zurechtweisend. Drängelnd, zögernd. Die Art, wie Annegret Leiner ihre bildnerischen Lebensspuren setzt, wenn sie Transparentfolien als Untergrund wählt, wie sie in entschlossenem Gestus anreißt, aufzeichnet, verwirft, hat etwas Kämpferisches, hinter dem die Angst vor der Niederlage steckt. Die 1941 in Hannover geborene Annegret Leiner, die nach Studien-Jahren in Braunschweig und Saarbrücken seit Mitte der sechziger Jahre im Saarland lebt, hatte zunächst mit Zeichnungen und Steindrucken Aufmerksamkeit erworben. Nach einer Phase eher abstrakt-geometrischen Bildaufbaus gelangte sie durch die Beobachtung von Natur zu Sinnzeichen für Eingriff und Bedrohung. Eine Serie von spröde skizzierten Selbstporträts kündigte die Auseinandersetzung mit dem Ich an, das sich vorzugsweise in tiefen Fauteuils verborgen hielt. Aus der Spannung zarter malerischer Valeurs und harten Lineaments bezogen die schon damals häufig großformatigen Blätter einen zusätzlichen Reiz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich unter die berstenden Strichbündel und flackernden Umrisse eine stabilisierende Farbfläche schieben konnte, die freilich bald zur neuerlichen Absteckung des Kampfgebietes ermunterte. Neben die Zeichnerin war nun auch die Malerin getreten. Doch seit jenen späten achtziger Jahren, als sie den Förderpreis der Stadt Saarbrücken bekam, scheint sich die eigentliche künstlerische Angriffslust Annegret Leiners auf den Prozeß der Entstehung und den widerständigen Verlauf von Linien zu richten, auf deren Vernetzung mit der eigenen Geschichte.