Annegret Leiners großformatige Zeichnungen Dorothee Schank Saarbrücker Zeitung vom Februar 1993
Forbach. Schon längst war eine Ausstellung fällig, die einen aktuellen Überblick über die gesamte künstlerische Entwicklung der im Saarland lebenden Künstlerin Annegret Leiner hätte geben sollen. Ein wenig beschämend, daß nun das Versäumte gerade auf der französischen Seite, in der Forbacher Galerie Oeil im Lycée Jean Moulin, nachgeholt wird statt in der eigenen Region; erfreulich für den Betrachter dagegen, nun endlich Gemälde und Zeichnungen aus den letzten drei Jahren nebeneinander sehen zu können.
Ein ganz anderer Eindruck ergibt sich nämlich so vom Schaffen der Künstlerin als etwa derjenige, den die großformatigen Zeichnungen vermitteln konnten, die bis vor kurzem in der Saarbrücker Stadtgalerie im Zusammenhang mit der Ausstellung des Saarländischen Künstlerbundes gezeigt wurden oder die in der Galerie Weinand-Bessoth letztes Jahr zu sehen waren.
Noch viel selbständiger, gelöster vom Gegenständlichen agieren hier die Linien. Sie nehmen nicht nur die Fläche ein, sondern auch nach und nach völlig das Figürliche.
Die Linie sucht sich absolut zu setzen und die gegenstandsbezogene Form abzuschütteln. Ein offenes, energetisches Lineament bestimmt den Flächenraum, bildet den Grund für eine spannungsvolle Dialektik.
Schwache, dünne und starke, substantielle Striche konferieren miteinander wie Zweifel und Überzeugung, Leere und Fülle, Hell und Dunkel, Geist und Körper. Nur ein schwaches Echo vom Gegenstand fängt sich noch im dynamischen Gestrüpp der Liniengezeiten, ein schwaches Abbild von körperlicher Form und architektonischem Gerüst, das bald der Linie ganz ihr Sein überantworten möchte.
Zweifellos erschließt Annegret Leiner der Zeichnung neue Dimensionen. Die Ausdeutung der Linie ins Malerische hinein, durch deren erweiterte Dynamik und vielgestaltiges Erscheinungsbild scheint die Farbe dagegen überflüssig geworden zu sein, machtlos, lediglich effektheischend. Doch wie man sieht und spürt, arbeitet Annegret Leiner hart daran, diesen Eindruck zu zerstreuen, der Farbe einen gleichwertigen Platz neben der Linie einzuräumen und sie nicht zu deren Handlanger verkommen zu lassen.
Dorothee Schank
Saarbrücker Zeitung vom Februar 1993