Nur keinen Stillstand

Annegret Leiner in der Saarlouiser Galerie Fritzen Tatjana von Prittwitz Saarbrücker Zeitung, Mai 1994

Sisyphos wurde nach dem griechischen Mythos dazu verdammt, einen Felsstein unermüdlich auf einen Berg zu wälzen, der aber von diesem immer wieder hinunterrollte. Für Camus ist Sisyphos kein vergeblich sich Mühender, sondern ein glücklicher Mensch; Sisyphos sei sich seines absurden Unterfangens bewußt und stelle sich dennoch der Herausforderung. In diesem bewußten Handeln befinde sich der Mensch „en révolte“ und zeige damit seine Würde.

Die Malerin und Graphikerin Annegret Leiner sieht ihre Arbeit selbst als Sisyphosarbeit. Nie habe sie das Gefühl, ein Bild vollendet zu haben, das Gewünschte erreicht zu haben, angekommen zu sein. Deshalb sei sie eine „Macherin“, immer beschäftigt, nur bitte keinen Stillstand.

Sieht man die Künstlerin mit ihren leuchtenden, fast stechenden Augen, wie sie sich vorbeugt im Gespräch wie zur Attacke, mit Bestimmtheit überzeugen will, unterstrichen von weitausholenden, raumgreifenden Bewegungen, dann kann man ermessen, welche Kraft und auch welcher Kampf beim Erstellen ihrer gestischen Werke mit im Spiel war.

Die suchende Linie

1941 in Hannover geboren, stellte die in Saarbrücken lebende Annegret Leiner seit 1977 wiederholt unter anderem im Saarland und in Frankreich aus. Neue Arbeiten sind nun in der Saarlouiser Galerie Fritzen zu sehen. Bekannt wurde Leiner durch ihre großformatigen Zeichnungen. Obwohl sie jetzt mal wieder ein Dutzend Bilder in flächiger Mischtechnik vorstellt, liegt ihre Qualität zweifellos in der suchenden Linie. Mit dem Ausflug in eine andere Technik wollte die Malerin sich und das von ihr Erwartete aber auch selbst befragen, um wieder „nach Hause zu kommen“.

Die Titel machen inspirierende Anleihen bei der griechischen und nordischen Mythologie oder verweisen auf alltägliche Vorkommnisse: „Solange Du Deine Füße…“
läßt für jeden den unausweichlichen, aber auch notwendigen Familienzwist aufleben. In weißer Kreide wird hier ein Tisch auf farbigem Hintergrund angedeutet. Leiner benutzt neben Weiß und Schwarz dafür meist Rosttöne und ein strahlendes Blau. Die darauf gesetzten gezielt fahrigen Striche sind ihre Stärke. Zaghaft zögernd und auch verzweifelt heftig zeugen sie von einer eigenen Formensprache.

Deutlich wird dies in den lichtvollen Zeichnungen, denen nicht die Mühe anzusehen ist und die trotz weniger „Masse“ oft dramatischer sind. Tiere, Körperteile, fliegende Fabelwesen, unaufdringliche Andeutungen, Ausflüchte, Fürsprachen. Geheimnisvoll, variantenreich. Zeitenlos und trotzdem bewußter Augenblick. Ein präzises Flugspiel von einer, die „ohne Netz arbeitet“. Ein Suchen, bei dem es ums Leben geht. Eine, die vertrauen muß, darf.

Tatjana von Prittwitz

In: Saarbrücker Zeitung, Mai 1994