Mit Bildern sagen, was ist: „Neue Arbeiten“ von Annegret Leiner zeigt das Museum St. Wendel Sabine Graf Saarbrücker Zeitung vom 15. September 2001
Annegret Leiners Arbeiten zeugen von einer unerbittlichen Wendung nach innen — übersetzt in eine wahrhaftige Bildsprache, die keine Floskel duldet. In St. Wendel sind ihre Werke derzeit zu sehen.
Die Ausstellung mit „Neue Arbeiten“ zu überschreiben, war eine einfache wie gute Entscheidung der Malerin Annegret Leiner. Im Museum St. Wendel zeigt sie derzeit in zwei Räumen jeweils die Essenz zweier Werkgruppen.
1996 zeigte die Künstlerin in der Saarbrücker Galerie 48 Malerei. Leuchtendes, fast ins Türkis reichendes Blau verband sich mit Schwarz- und Erdtönen. Die mit Kohle und Pastellkreide auf das Papier gezogene Spur des Authentischen, die Linie als aufgelöster Ballen des ureigenen, verknäulten Innerlichen entwickelte sich. Darunter lagen farbige, neben- oder ineinander übergehende Flächen. Annegret Leiner, die bislang betont grafisch gearbeitet hatte, zeigte sich hier unverkennbar malerisch.
Zwei Jahre vergingen — ihre nächste Ausstellung im Haus der Stiftung Demokratie Saar fasste Arbeiten aus acht Jahren zusammen und zeigte eine Tendenz vom nervös vibrierenden Liniengeflecht zur festen, markanten Behauptung der Linie als dickem, schwarzen, mal geraden, mal sich krümmenden Balken. Transparentfolien und eingeklebte Papierstücke sorgten für räumliche Tiefe. Zugleich bereiteten sie eine Konfrontation vor, die im Jahr 2000 in der Ausstellung „Colli/usionen“ in der BMW Niederlassung Saarbrücken stattfand. Ausrisse aus großflächigen Werbeplakaten forderten die unaufhörlich sich zerfasernde, fahrige Linie heraus und wuchsen sich zu bisweilen figurativen Gebilden aus. Daraus entstanden kräftige und klare Dialoge, die in den Ausstellungsräumen in St. Wendel nachwirken.
Geblieben ist auch hier die unerbittliche Wendung Annegret Leiners nach innen, einem Innen, das die Künstlerin in eine Bildsprache übersetzt, die keine Floskel duldet, sondern sagt, was ist. Hier geht es nach wie vor um Unmittelbarkeit und um die Suche nach dem Ausdruck des Wahrhaftigen. Das Insichgekehrtsein, das mitunter auch den Verzicht auf jegliches Entgegenkommen im Bild bedeutet, ist die notwendige Bedingung des Authentischen und damit der Malerei bei Annegret Leiner.
Auch die St. Wendeler Bilder sprechen davon, nur tun sie das in einer Sprache, die ureigener Ausdruck der Malerin ist, ohne dabei hermetisch zu sein. Vor allem aber finden in St. Wendel die Elemente aus Arbeiten der letzten Jahre in besonderer Klarheit zusammen. Die Linie umreißt, ohne zu zerfasern, sicher und strikt grobe Formen, während die Farbflächen nicht länger nebeneinander liegen. Das Überlappen und Überlagern der Farben sorgt für Tiefe, die vormals sich der transparenten Streufolie verdankte. Grober Pinselstrich schafft Körperhaftes, das mitunter das Bild bestimmt. Malerisches herrscht vor und bedient sich der grafischen Geste. Dadurch bekommen die acht Bilder ihre Wirkungsmacht und ihre geradezu lodernde Fülle, die den ehemals fahrigen Strich gewaltig auflädt. Das mag auch an großen Formaten (230 mal 200 cm) liegen. Diesem Maß entsprechen die Tafelbilder, die Annegret Leiner für die Saarländische Landesvertretung in Berlin anfertigte. So machtvoll der Raum mit den acht Großformaten, so karg die andere Rauminstallation, ein Stundenbuch. Die 24 Zeichnungen empfinden das 24 Stunden ausfüllende Andachts- und Gebetbuch nach. Sie leben von der Bewegung der Linien und ihrem Widerspiel mit den Lauf der Linie wie Noten unterbrechenden Flächen. Hier überwiegt das Zeichnerisch-Grafische als Ausweis der zweiten Werkgruppe. Wie intensiv und konzentriert die Linie zu sein vermag, lässt gerade ihre zum Ende des Stundenbuchs sich offenbarende Kargheit spüren. Doch die sonst aus den Bildern sprechende Bestimmtheit verliert sich unbeholfen in der Installation der Blätter als von der Decke hängendem Quadrat im Raum. Die Arbeiten Leiners brauchen keinen Raum für sich zu definieren. Haben sie doch die Kraft, jeden Raum zu ihrem Raum zu machen.
Sabine Graf
Saarbrücker Zeitung vom 15. September 2001