In der Zerreißprobe

Saarbrücken: Annegret Leiner im Saarländischen Künstlerhaus Ursula Giessler Saarbrücker Zeitung vom 28. Mai 1982

Hier wird eine umgetrieben von großer innerer Unruhe. Nervosität spricht aus ihrem Strich, aus ihrer Farbbewegung. Und was sie so stark beunruhigt, das verhakt sich bei ihr in der menschlichen Figur. Annegret Leiner, als Zeichnerin hierzulande wohlbekannt, bedient sich neuerdings auch malerischer Mittel. Zu sehen sind diese Arbeiten nebst Zeichnungen nun im Saarländischen Künstlerhaus in Saarbrücken. Schlagkräftiger Titel des Ganzen: „Zerrfelder“

Es war kein willkürlicher Übertritt ins andere Medium der Malerei, den Annegret Leiner vollzogen hat. Die neuen Bilder sprechen deutlich von der Geburt aus der Grafik. Was in den Zeichnungen Liniengewirr und -gewitter ist, wird in der Malerei zu tempogeladenen schwarzen Balkenbändern. Die verknäueln sich in den offenen Körperbewegungen etwa gemeinsam mit Rot, um im Umfeld als lose Partikel mit dezenten Lichtgrau-Tönen zum Beispiel wieder wegzufliegen.

Die Zerreißprobe, der sich Annegret Leiner mit ihren Körper assoziierenden Figuren stets von neuem aussetzt, wird innerhalb des Bildes – fast ein Paradox – stimmig aufgefangen. Die existentielle Anspannung in den niemals konturierten, daher auch nie zu fixierenden Figuren trifft auf ihr leicht gemildertes Echo in den weiteren Bildzonen. Einatmen und Ausatmen einer hektisch Gejagten, deren Kürzel in jeder Phase bleiben.

Annegret Leiner hat sich mit ihrer grafischen Malerei einen einleuchtenden Schritt weiterbewegt. Sie bringt den künstlerischen Akt fertig, Aufruhr und Kampf der Figur ins Bild einzubinden, ohne daß dies die Flächenbegrenzung sprengen muß. Das schafft sie sowohl durch die Kraft der Konzentration als auch durch vexierhafte Elemente, in denen die heftigen Körpergesten mehrfach aufflackern. Den scheinbar zum Sprung oder zum Kampf ansetzenden Figuren bleibt so jede Eindeutigkeit verwehrt.

Aus der immer gleichen Wurzel von Annegret Leiners Arbeiten, ihrem Unruhe-Pol, wächst in den großformatigen Zeichnungen das Linien-Gestrüpp. In ihm verfängt sich die Gestalt, aus seinem zielsicheren Ungestüm wird sie überhaupt erst möglich, bevor sie sich, wie auch in der Malerei, schon wieder verflüchtigt.

Die „Zerrfelder“, die in einem größeren Raum ihre Wirkung noch verstärken könnten, bleiben bis zum 8. Juni im Saarländischen Künstlerhaus.