Gesten in zackigen Linien und Strichen

„Annegret Leiner – neue Arbeiten“ im St. Wendeler Museum Saarbrücker Zeitung Nr. 207, 06. September 2001

St. Wendel (np). Die renommierte saarländische Künstlerin, die in diesem Jahr den Auftrag zur Gestaltung des Empfangssaales der saarländischen Vertretung in Berlin erhalten hat, zeigt im Museum eine Serie von acht großformatigen Gemälden, kleinere Zeichnungen, sowie – erstmalig – eine Installation aus 24 Zeichnungen auf Folie, die sie eigens für diesen Raum im St. Wendeler Museum konzipiert hat.

Annegret Leiner, geboren 1941, gelangte im Laufe der Jahre in ihrer Arbeit von der Figuration zu einer expressiven Abstraktion. In ihren Zeichnungen wie in ihren Gemälden ist es die Geste, die von essentieller Bedeutung ist. Sowohl die zackigen, auf der Bildfläche tanzenden Linien als auch die breiten Pinselstriche vermitteln den Eindruck, als wären sie „hingeschrieben“. Gleichwohl ist jedes Bild das Ergebnis langwieriger Entscheidungen. Die ihnen innewohnende Komplexität rührt nicht zuletzt von den unterschiedlichsten, sich gegenüberstehenden Stimmungen her. Denn in jeder Faser des Bildes manifestiert sich einerseits eine unruhige Suche, aber zugleich entsteht der Eindruck von Kraft und Sicherheit, mit der Annegret Leiner arbeitet. Auch ihre jüngsten, hier in St. Wendel ausgestellten Gemälde sind Ausdruck einer starken Emotionalität, ihrer „aufwühlenden“ Wirkung kann sich der Betrachter wohl kaum entziehen.

Räumlich und „geistig“ eingefangen werden die Besucher im benachbarten Saal des St. Wendeler Museums, wo Annegret Leiner einen „zweiten, inneren Raum“ geschaffen hat. 24 großformatige Bahnen aus drei hintereinander gelegten halbtransparenten Folien bilden ein Quadrat, dass nur durch eine kleine, Öffnung betreten werden kann. Gedanklicher Ausgangspunkt für diese Arbeit war das Stundenbuch, ein im Mittelalter weit verbreitetes Gebetbuch für Laien. So stehen die 24 Folien für die einzelnen Stunden. Dem natürlichen Tagesablauf entsprechend spannt sich ein großer Bogen, der den Weg der Sonne beschreibt, vom Morgen zum Abend hin, wo das leuchtende Gelb allmählich abklingt, während die Nacht in Weiß, Grau und Schwarz gehüllt ist. Den übergreifenden Bewegungsfluss unterbrechen frei belassene Folien. Sie geben jene Stunden an, die für das Gebet vorgesehen sind. Dabei geht es Annegret Leiner letztlich darum, die bewussten und unbewussten psychischen Prozesse, die eine Bewältigung des Alltags von jedem verlangen, zu thematisieren. Mittels der Schichtung der Folien, mit denen die Künstlerin schon seit einigen Jahren arbeitet, ist die Zeichnung auf der vorderen Folie Ausdruck des „Sich-Behauptens“, während die durchschimmernde Zeichnung auf der dahinter liegenden Folie, von Papierfetzen bereichert, das Unterbewußtsein widerspiegelt. Die leeren Bildfelder erscheinen in dieser von Unruhe geprägten Komposition wie Ruhezonen. Im Sinne eines meditativen Gebets geben sie den Moment der Kontemplation und vollkommener Stille an.