Neue, ungewohnte Bilder der Künstlerin Annegret Leiner Sabine Graf Saarbrücker Zeitung Nr. 117 vom 21. / 22. Mai 1998
Es ist etwas geschehen im zeichnerischen Werk von Annegret Leiner. Es ist plastischer und räumlicher geworden. Das Netz der verknäulten Spuren löste sich, wurde breitmaschiger. Das nervös-fiebrige Strichwerk überzieht nicht länger wie ein Labyrinth die Bildoberfläche Wenn es auftaucht, dann verstärkt es um so mehr die Erkenntnis, daß sich hier etwas verändert hat. Denn Annegret Leiners neue Zeichnungen, die sie gerade im Haus der Stiftung Demokratie Saar zeigt, markieren regelrecht Standpunkte, tragen einen Behauptungswillen in sich, der bislang in dieser massiven Deutlichkeit im Werk der in Saarbrücken lebenden Künstlerin nicht vorkam.
Das mag an der Wahl der Mittel liegen. Feste, braune und schwarzgemalte Papierbahnen bilden buchstäblich das Fundament. Man denkt an Säulen, Stämme, Standbeine. Nicht selten erinnern die schwarzen Balken an Füße, die gewaltig aufstampfen und dadurch, daß sie als Duo oder Trio senkrecht nebeneinanderstehen) das Fundament der Arbeiten sind. Zuweilen ein hintergründig mattschimmerndes, denn Annegret Leiner deckt die fett glänzenden Balken mit transparenter Folie ab. Das verleiht allen ihren Arbeiten eine räumliche Tiefe, die für verblüffende Wirkungen sorgt. Was eben noch schwarz und präsent das Auge provozierte, verschwimmt nur ein paar Zentimeter weiter unter milchiger Folie im Untergrund der Bildoberfläche.
Auch dort unten regt sich Leben: ein Spiegel der Oberfläche. Auch dort schwarze, allerdings aufgemalte Balken, die sich gelegentlich fast zum Körper formen. Dazwischen die Spuren der Kreide. Entzerrt, weniger geballt, umreißen sie fast gegenständliche Formen. Die Spuren sind klarer geworden. Sie scheinen nicht mehr unmittelbar aus dem Körper zu fließen. Sie umreißen nun selbst plastische Gestalten.
Anders die kleinen Arbeiten: Hier prallen auf engstem Raum Flächen und Liniengeflechte aufeinander und heften diesem Miteinander von Standpunkt und Flüchtigkeit etwas Kompaktes an. Sparsam sind die Farben Rot, Blau und Gelb eingesetzt. Schwarz und Braun beherrschen die Fläche; Rot und Schwarz, die Antipoden der letzten Jahre, sind zurückgedrängt.
Der Katalog lenkt den Blick auf diese Entwicklung Er zeichnet punktgenau die Verläufe des zeichnerischen Werks von 1990 bis heute nach, während die Ausstellung sich auf die aktuellen Arbeiten konzentriert. Sie beschreibt einen neuen Ansatz im zeichnerischen Werk, den Annegret Leiner in ihrem malerischen Werk schon vor einiger Zeit eingeschlagen hat: den Weg von der Linie zur Fläche. Vom Ausdruck des Inneren in das Innere selbst, in die Tiefe, in den Raum hinein. Ein absolut folgerichtiger, beeindruckender Weg.
Sabine Graf
Saarbrücker Zeitung Nr. 117 vom 21. / 22. Mai 1998