Die Entwicklung einer Eigen-Sinnigen

Annegret Leiners neue Werke in der Saarbrücker Stadtgalerie Ursula Giessler Saarbrücker Zeitung, 17. Mai 1990

Die Geburt der Malerei aus der Zeichnung. Oder die Herkunft der Kunst aus der Erfahrung des eigenen Körpers (besser Leibes, um Lorenz Dittmanns Definition aus dem Katalog aufzunehmen). Wer in Annegret Leiners Ausstellung in der Saarbrücker Stadtgalerie kommt, begegnet Bildern, die auf Anhieb gleichzeitig durch ihre Tektonik und Dynamik überzeugen, die eine souveräne Malerin mit großer Kraft erkennen lassen. Wer die Entwicklung der in Saarbrücken wohnenden Künstlerin schon länger verfolgt, der erlebte über Jahre eine starke künstlerische Energie und zweifelte nicht daran, daß die keine Ruhe gäbe, um zu immer neuen, immer geglückteren Lösungen voranzutreiben.

Trotzdem stecken die großformatigen Gemälde, die Annegret Leiner in den letzten beiden Jahren geschaffen hat, voller Überraschungen. Was sie davon nun zeigt, ist bis in die letzten Wochen hinein entstanden. Und es läßt sich sagen: Jetzt ist die Malerin geboren. Annegret Leiner war zwar schon unterwegs auf dem Weg zur Farbe, doch das Terrain hat sie erst jüngst vollkommen erobert. In ihre Bilder sind nunmehr all die körpernahen beziehungsweise buchstäblich leib-eigenen Kämpfe eingegangen, die sie bisher in vielen grafischen und halbmalerischen Zerreißproben geführt hatte. Doch sie sind darin nicht beruhigt worden, sie haben nur eine neue, umfassendere Dimension erreicht. Sehr oberflächlich betrachtet nehmen sich diese Bilder wie expressive Abstraktion aus.

Doch läßt man sich nur ein bißchen auf sie ein, spürt man, daß ihre Herkunft woanders liegt. Denn Annegret Leiner treibt immer noch die menschliche Figur um, genauer: die selbsterfahrene Körperlichkeit, eben Leiblichkeit, wie Lorenz Dittmann das – im Gegensatz zum von außen gesehenen Körper – benennt. Zum Beispiel: Blaue Ballungen antworten schwarzen, die für Annegret Leiner typischen Linien-Kürzel erscheinen vor dem Bild, flüchtig einerseits, Gerüsten ähnlich andererseits, ein geklumpter Fuß läßt sich darin ausmachen, der im Abstand sich auch in einen sich mächtig streckenden Körper verwandeln kann. Figurales, farblich Zupackendes drückt in die Tiefe des Raums, treibt gleichzeitig nach vorne und gibt den Bildern so Plastizität.

Gliedmaßen, ein Fuß, eine Hand reißen sich vom Körper los: In der kürzelhaften, der Malerei vorgelegten Zeichnung verselbständigen sie sich auch; im Malprozeß selbst wird eher der heftige Vorgang des Abtrennens, noch im Konnex mit dem Körper, sinnlich nachvollziehbar und so, wie etwa ein Bein, ein Fuß, das Gelb tretend, langsam fremd wird.

Allem Augenschein nach schlägt diese Künstlerin sich primär mit dem Körper herum, in dem sie steckt. Aus dessen Energien und Unruhen, die ja auch die geistig-nervlichen ausmachen, gewinnt sie ihr nunmehr so gereiftes künstlerisches Potential. (Lorenz Dittmann: „Die Örtlichkeit des eigenen Leibes ist ‚absolut‘, ‚weil von ihm aus je die Welt sich öffnet“.)

Zusammen mit der körperlichen Energie dieser Bilder, die ja auch den oft polar angelegten und sich in Vieltonigkeit auffächernden Farbduktus schafft, entsteht fast leitmotivhaft immer wieder eine Lichtung, häufig zentral, als ob das Gewitter zwischen Leib, Körper, Form, Farbe und Linien irgendwo ins Helle aufreißen müsse.

Annegret Leiners neue Malerei, eine Entdeckung für den Betrachter, begleiten auch in der Stadtgalerie farbige Kohle/ Kreide-Arbeiten auf Packpapier und reine Kohlezeichnungen, in denen sich die Wirrungen des Körpers isolierter darstellen und die somit eine Art Wegweiser zu den Gemälden bilden können. Sie erscheinen als Bindeglied in der aufsehenerregenden Entwicklung einer Eigen-Sinnigen.